Interview mit Stefan Egeler

Veröffentlicht von Kerstin Herzog am

Die Autoren der AgAti erzählen Spannendes über die Geschichte der Gruppe, ihre eigenen Projekte und München. Außerdem gibt es einen kleinen Einblick in Verloren im Alltag, die erste gemeinsame Kurzgeschichten-Anthologie. Wir befragen Stefan Egeler.

Woher kommt eigentlich der Begriff „AgAti“?

Sebastian, Robert und ich haben uns 2014 getroffen und mit weiteren lieben Autorenkolleginnen und -kollegen die „Autorengruppe Arbeitstitel“ gegründet. Unter diesem langen Titel veröffentlichen wir nicht, sondern das ist wirklich nur eine Arbeitsgruppe – wir treffen uns und helfen einander aus. Vor 1-2 Jahren habe ich dann das Kürzel „AgAti“ ins Leben gerufen, weil ich sprachfaul und kürzelfreudig bin. Anfang 2019 hat es dann eine zweite Bedeutung gefunden: Als Synonym für nachdenkliche und harte Literatur aus München – wie Kerstin, Tamara, Robert, Sebastian und ich sie schreiben.

Tamara und Kerstin sind etwas später hinzugekommen. Anfang des Jahres haben wir fünf dann festgestellt, wie gut wir zusammenpassen. Ich weiß, dass ich enormes Glück habe, vier so tolle Kollegen gefunden zu haben, die starke Teamplayer sind, denen ähnliche Themen am Herzen liegen und mit denen das Zusammensein Spaß macht.

Was schreibst du?

Ich schreibe Mystery-Romane und -Erzählungen. Es sind zwiespältige Geschichten, in denen die Hauptfiguren feststellen müssen, dass das eigene Leben überhaupt nicht mehr stimmt. Oft wirft ein übernatürliches Element (oder eines aus der SciFi) die Protagonisten aus der Bahn. Und meist ist dieses Element relativ klein, weil es gar nicht so viel braucht, um einen den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Psychologische, düstere Geschichten dieser Art haben für mich als Leser eine unglaubliche Zugkraft und als Autor fühle ich mich darin wohl. Die Figuren in solchen Settings können nichts richtig machen, sondern sie müssen zwischen gleichermaßen üblen Wegen wählen. Es bleibt nicht einmal der Ausweg, episch zu scheitern. Kaum ein Genre passt so gut in unsere komplexe Welt, in der man wenig richtig machen kann und viel falsch.

In meinem ersten Roman Der Traumjäger stirbt der Protagonist, der vorher als Sanitäter Menschen geholfen hat, und ist danach eine Art Geist (was er genau ist, verrät die Geschichte). In seiner neuen, erschreckenden Welt kann er nur noch bei Menschen sein, wenn er ihnen Albträume bringt. Er, der gerne hilft, will sowas natürlich nur bei bösen Menschen machen. Aber gelingt das? Kann so etwas gelingen? Oder kommt nicht doch zwischen Moral und Müssen etwas total Widerwärtiges heraus? Dieser Zwiespalt, da bin ich in meinem Element.

Bist du Selfpublisher oder möchtest in einem Verlag veröffentlicht werden?

Ich bin gerne Selfpublisher, denn ich sehe mich als Autor und als Unternehmer. Buchsatz, Werbung, Vertrieb, all das macht mir neben dem Schreiben enorm viel Spaß. Der ganze Prozess des Buchmachens ist so spannend! Selfpublishing ist eine sehr eigenständige Art zu arbeiten, die sehr fordernd sein kann, aber auch enorm viel Spaß macht und einem Tausendsassa wie mir genau die richtige Abwechslung bietet.

Was ist dein aktuelles Schreibprojekt?

Mein nächstes größeres Werk ist ein Märchenroman und entführt die Leser in ein düster-phantastisches „Heutzutage“. Es erzählt von Sagen und Märchen sowie davon, wie man sich die falschen Dinge wünschen kann. Hauptfigur ist eine phantasievolle junge Frau, deren Leben in München in eine Sackgasse geraten ist. Sie lässt sich anwerben, im Dörfchen Schwarzenried im Bayerischen Wald neu anzufangen. Dort geht es allen gut, so scheint es jedenfalls. Die Wirtschaft brummt wegen einer außergewöhnlich erfolgreichen Glaserei. Und dass man starke Traditionen pflegt, noch an Feen und Gnome glaubt, das ist für unsere Heldin anfangs eine schöne Sache. Bis sie bemerkt, dass zwischen den Märchenwesen und dem Glaswerk ein Zusammenhang besteht, der ihr eine Reihe ganz, ganz bitterer Entscheidungen aufnötigt …

Was ist dein Lieblingsort/Platz in München?

München ist eine strahlend schöne Stadt, in der man das Dunkle hinter der Fassade suchen muss. Der Olympiapark besteht unter wunderbar sanft abfallenden Hügelchen aus verdichteten Trümmern. Alte Relikte, etwa verloren erscheinende Wassertürme, liegen zwischen hübsch und teuer renovierten Gebäuden. Solche schrägen Flecken zu suchen, das macht mir enorm viel Spaß und als Autor finde ich es enorm stimulierend. Etwa gibt es in der Nähe meiner Wohnung ein altes Hochsilo. Es wirkt gut gepflegt, aber ich habe noch nie jemanden hinein- oder herausgehen gesehen. Hat das einen Grund? Vielleicht einen, über den die wenigen verbliebenen Altmünchner in meiner Nachbarschaft nicht recht reden wollen? Oder nur hinter vorgehaltener Hand tuscheln?

Drei Autoren, die dich beeinflussen?

Frank Herberts Wüstenplanet hat mich schon als Kind geprägt. Mich berührt die düstere Stimmung einer Menschheit, die sich selbst verformt hat, ohne recht einen Grund dafür angeben zu können. Gier war im Spiel, das Gesellschaftssystem war nicht perfekt, aber vor allem anderen war es wohl so, dass einfach jemand damit angefangen hat, weil es eben möglich war. Die Folgen unseres Tuns nicht abzuschätzen, das ist schlimm und zugleich zutiefst menschlich. Das tut weh.

Michel Houellebecq kennt in allen seinen Büchern die hilflose Stimmung, wenn man bemerkt, dass es einen gar nicht braucht. Verloren-Sein, das ist ein enorm starkes Thema bei Houellebecq, und eines, das in mir anklingt.

Stephen King beschreibt in vielen seiner Bücher, wie eine Kette kleinerer Ereignisse seinen Protagonisten jede Sicherheit raubt, jedes Gefühl, dass es etwas wie eine reale Welt gebe, auf die man sich stützen könnte. Den Figuren bricht der Halt weg. Das bleibt mit jedem neuen Buch beklemmend.

Was ist deine Lieblingsgeschichte im kommenden AgAti-Kurzgeschichtenband und warum?

Sebastian, Tamara und Robert haben ja die Auswahl und Sortierung der Kurzgeschichten vorgenommen und sie haben dabei einen phantastischen Job gemacht. Stimmungen ziehen sich durch das Buch und verbinden die Geschichten, so dass diese ein intensives, lauerndes Miteinander annehmen. Besonders begeistert mich die Schlusspointe, die Sebastian mit „Adagio espressivo“ setzt, einer düsteren Geschichte, die Hoffnung und Schmerz perfekt verbindet.


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